Verwirrung XL

Verwirrung XL

Am 22.6.2012 kündigte Nintendo bei  einer Nintendo Direct-Pressekonferenz  den 3DS XL an.

  • Screens: 4,88 Zoll und 4,18 Zoll, jeweils 90 Prozent größer als beim 3DS
  • Akku: 3DS-Spiele: 3,5 bis 6,5 h, DS-Spiele: 6 bis 10 h
  • Farben: Blau-Schwarz, Rot-Schwarz und Silber-Schwarz
  • Preis: 199 US-Dollar (ca. 160€), Europa: 199€ (geschätzt, noch kein offizieller Preis)

An sich ist eine neue Version eines Nintendo Handhelds nichts Überraschendes, man erinnere sich nur an den DS Lite, den DSi und den DSi XL. Diese Ankündigung wirft jedoch gleich mehrere Fragen auf, für die ich versuchen werde (so gut wie möglich) eine Antwort zu finden:

Warum nicht auf der E3 ankündigen?

Selbst zwei Wochen nach der E3 müssen wir uns immer noch über Nintendos Auftritt auf der wichtigsten Videospielmesse der Welt wundern. Mit dem 3DS XL kommt auch noch ein weiteres Fragezeichen hinzu. Warum hat ihn Nintendo nicht auf der E3 vorgestellt? Die Frage hat die Pressestelle Nintendos sogar schon beantwortet. Kurz zusammengefasst: „Wir hatten zu viel anzukündigen und mussten uns entscheiden, auf was wir uns konzentrieren“. Ich werfe diese Aussage mal in die große Kiste der Marketing-Phrasen. Nintendo hatte genügend Zeit auf der E3, um alles zu zeigen. Wann das neue Modell des Handhelds ankündigen, wenn nicht auf der eigens für den Handheld einberufenen Pressekonferenz? Vielleicht fürchtete sich Nintendo vor negativen Reaktionen der Presse und Spieler, dagegen hilft eine weitere Pressekonferenz zwei Wochen später allerdings wenig und macht es potenziell nur noch schlimmer. Eine Ankündigung auf der E3 hätte sicherlich auch die Investoren gefreut und die Aktie wäre nicht noch tiefer in den Keller gefallen.

Antwort: Nintendo wollte die gesamte Aufmerksamkeit für sich haben und kündigte den 3DS XL daher zwei Wochen nach der E3 an. Der zu zahlende Preis war hoch: Eine ereignislose E3-PK. Zudem scheint Nintendo generell den Fokus nicht mehr auf die E3 legen zu wollen.

Hat uns Nintendo angelogen?

Kurz vor Nintendos E3-PK brachte die japanische Wirtschaftszeitung Nikkei Gerüchte über eine 3DS XL-Ankündigung in Umlauf. Während der Messe wurde Mario-Schöpfer Shigeru Miyamoto gefragt, ob denn nicht eine neue Version des 3DS in Planung sei. Seine etwas überraschende Antwort: „Nein“. Das ist a) schwer zu glauben, wenn man sich die Geschichte des DS ansieht und b) falsch, wenn man den 3DS XL als neue Version des 3DS betrachtet. Vielleicht ist der 3DS XL für Miyamoto keine „neue“ Version des 3DS, viele Spieler sehen das allerdings anders und fühlen sich betrogen. Auch dieses Problem wäre mit einer Ankündigung auf der E3 gar nicht erst entstanden.

Antwort: Jein. Vielleicht interpretierte Miyamoto die Frage falsch, vielleicht interpretierte der Interviewer die Antwort falsch, vielleicht übersetzte der Übersetzer falsch. Wir wissen es nicht.

Warum kein zweites Schiebepad?

Mit dem „Circle Pad Pro“ schien Nintendo mehr schlecht als recht eine fundamentale Schwäche der Hardware korrigieren zu wollen. Seit dem großen Aufschrei der Spielerschaft nach der Ankündigung ist es allerdings ziemlich still um die Zusatzhardware geworden.  Spiele die das zweite Schiebepad nutzen, kann man (bislang) an zwei Händen abzählen. Assassin´s Creed, Call of Duty und ähnliche Titel, die auf den anderen Plattformen ohne zweiten Stick nicht spielbar wären, gibt es auf dem 3DS kaum. Sind diese Spiele selten, weil nicht jeder 3DS ein zweites Schiebepad besitzt, oder besitzt der 3DS (XL) kein zweites Schiebepad, weil diese Spiele selten sind? Zwei verschiedene Handheld-Versionen würden die Hardware-Basis fragmentieren und das Leben der Entwickler nur unnötig kompliziert (und damit die Plattform weniger interessant) machen. (Mit dem Circle Pad Pro ist die Hardwarebasis zwar de facto fragmentiert, jedoch hat der „Maintream“ den sperrigen Namen wohl nicht wirklich wahrgenommen, was niedrige Verkaufszahlen bedeuten dürfte.) Daher entschied sich Nintendo gegen das zweite Schiebepad für den 3DS XL. Diese Entscheidung hinterlässt jedoch Bauchschmerzen. Monster Hunter 4 erscheint irgendwann, wird dann etwa ein „Circle Pad Pro XL“ erscheinen? Und wenn irgendwann der nächste „richtige“ 3DS (Pro) erscheint, wovon ich ausgehe, wird dann das zweite Schiebepad eingebaut sein und wir können uns ein weiteres Mal dieselbe Hardware kaufen? (Auch ein Weg die Verkaufszahlen zu erhöhen.)

Antwort: Der 3DS nimmt jetzt erst richtig an Fahrt auf, eine Fragmentierung würde nur den Wind aus den Segeln nehmen.

UPDATE: Wie Nintendo mittlerweile angekündigt hat, wird ein Circle Pad Pro für den 3DS XL erscheinen. Die Entrüstung der Spieler folgte auf dem Fuße. Dabei ergibt dieser Schritt (auf eine groteske Art und Weise) Sinn und ist für uns als Spieler gar nicht so schlecht.

Der fehlende zweite Stick ist eine fundamentale Schwäche des 3DS. Einige Spiele lassen sich nicht (oder nur sehr schwer) auf der Hardware spielen. Eine Diskussion, ob denn ein Handheld einen solche zweiten Stick bräuchte und ob es Spiele wie Call of Duty auf dem 3DS geben sollte, ist sinnlos. Natürlich sollte es die Möglichkeit für Spiele wie Call of Duty geben, auf dem Handheld gespielt zu werden.
Nintendo weiß das und trotzdem entschied man sich irgendwann während der Entwicklung der Hardware aktiv gegen einen zweiten Stick (hoffen wir mal, dass Nintendo das Thema nicht einfach verschlafen hat). Seit dieser Entscheidung ist das Thema zweiter Stick vorbei, alles andere hätte eine Fragmentierung zur Folge, die unter allen Umständen verhindert werden muss. Über 10 Millionen Spieler besitzen nun den 3DS ohne zweiten Stick, Nintendo will (und sollte) sie nicht mit einer neuen, fundamental anderen, Version verwirren.
Es wird auch weiterhin keine Werbung für das Circle Pad pro geben, es ist Nintendo ein Dorn im Auge. Ein Dorn, das wohl Teil des Monster Hunter-Deals mit Capcom war und viele treue Nintendo-Fans verärgert. Verkraftbar, solange der Deal mehrere Millionen Dollar in die Kassen spült.
Nintendo hat sich gegen den zweiten Stick entschieden, meistens bleibt der Konsolenhersteller bei seinen Entscheidungen. Was ich mir vorstellen könnte, wäre ein 3DS Pro. Vielleicht als Special Edition für das nächste Monster Hunter.

Für wen ist der 3DS XL?

Der DSi XL erschien sehr spät im Lebenszyklus des DS und war an ältere Menschen gerichtet, deren Sehkraft nachließ. Anscheinend kam der große DS aber auch bei jüngeren Spielern an und verkaufte sich gut genug, um die XL-Reihe fortzusetzen. Der Fokus auf die älteren Menschen verschwindet und Nintendo positioniert die Hardware als den neuen 3DS. Es würde mich nicht wundern, wenn von nun an die meisten (wenn nicht alle) Bilder und TV-Spots den 3DS XL zeigen.

Antwort: Der Fokus auf ältere Leute ist verschwunden, der 3DS XL ist für alle.

Ist es nicht zu früh für den 3DS XL?

Es ist sehr Nintendo-untypisch eine Revision so zeitnah zum Release der ursprünglichen Hardware zu veröffentlichen, in diesem Fall blieb dem Konsolenhersteller wohl keine andere Wahl. Nach der Preissenkung des 3DS verkaufte Nintendo die Hardware mit Verlust. Zwar ist das für Sony und Microsoft „Business as usual“, Nintendo konnte mit dem DS und mit der Wii jedoch vom ersten Tag an Gewinn mit jeder verkauften Einheit erzielen. Über die Monate werden Produktion und eingebaute Hardware-Teile günstiger, was bei gleich bleibendem Preis eine größere Gewinnmarge bedeutet. Dieser Prozess scheint Nintendo nicht schnell genug voranzuschreiten, zudem sind die Aktionäre ohnehin mehr als unzufrieden und der klaffende Verlust des letzten Geschäftsjahres muss auch bereinigt werden. Gegen diese Sorgen ist nichts besser als neue Hardware, die mit 200$ mehr als der 3DS kostet und wahrscheinlich gleich von Anfang an Gewinn erzielt. In den USA erscheint der 3DS XL am gleichen Tag wie New Super Mario Bros. 2 (der Vorgänger verkaufte sich über 27 Millionen Mal) und wird fürs Weihnachtsgeschäft sicherlich mit einigen Nintendo-Titeln im Bundle erscheinen.

Antwort: Aktuell hat Nintendo andere Sorgen als fehlende Kontingenz in der Release-Strategie. Die Zeiten des DS und der Wii sind vorbei, die See ist rauer geworden. Der 3DS XL soll der installierten Hardwarebasis einen weiteren Schub verpassen und schnell/unkompliziert Geld in die Kassen spülen.

 

Eine letzte Frage bleibt noch: Kaufen oder nicht kaufen?

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