Die Gitarrensaiten sind gerissen, der DJ hat das sinkende Partyschiff verlassen, die Drumsticks sind mittlerweile überdimensionierte Essstäbchen. Ja, nervige Wortspiele gibt es dutzende zu diesem Thema. Die zynische Haltung der Videospieler gegenüber Activision ist kaum verwunderlich. Aber mal von Anfang an, was ist genau passiert und noch wichtiger, warum ist es passiert?

November 2005. Amerikanische Videospieljournalisten sind sich einig. Guitar Hero ist das beste Musik-Spiel aller Zeiten. Bemerkenswert wie die PS2 immer noch innovative Videospiele hervorbringen kann. Guitar Hero sorgt für Videospielpartys, ist das amerikanische Äquivalent zum europäischen Phänomen Singstar. Kurzum, es ist die Zukunft der Musikspiele.

Februar 2011. Activision: “due to continued declines in the music genre (Anm. d. A.: die Verkaufszahlen der Serie lt. vgchartz.com), the company will disband Activision Publishing’s Guitar Hero business unit and discontinue development on its Guitar Hero game for 2011. The company also will stop development on True Crime: Hong Kong. These decisions are based on the desire to focus on the greatest opportunities that the company currently has to create the world’s best interactive entertainment experiences

Eindimensionale Innovation und limitiertes Gameplay

Innovativ. Ein Wort, dessen Bedeutung im Auge des Betrachters liegt. Oft beschweren sich Spieler über die Abstinenz dieses Adjektivs, scheinbar selten benutzen es Videospieljournalisten bei dem Verfassen ihrer Texte. Anders bei der arcadigen Gitarrensimulation; wer Guitar Hero sagt, muss auch innovativ sagen… früher zumindest. Mittlerweile verbindet niemand mehr das Wort innovativ mit Guitar Hero. Doch wie passen das Wort innovativ und Guitar Hero überhaupt zusammen? Was genau ist innovativ an diesem Spiel?
Guitar Hero besteht aus einer einzigen Mechanik. Der Spieler muss zur richtigen Zeit, den richtigen Knopf drücken. Ein anderes Wort dafür wäre QTE (QuickTimeEvent). QTEs sind eine eigenartige Mechanik, mit entsprechenden Vor-, und Nachteilen.

Vorteil: Jeder versteht sie. Vorkenntnisse, Erfahrungen mit dem Medium Videospiele sind nicht notwendig. Die simple Regel: “Objekt erreicht Zielzone=Entsprechenden Knopf drücken” bedarf keinerlei Erklärung. Daher ist Guitar Hero für jeden spielbar und genaugenommen das erfolgreichste Casual-Spiel dieser Generation.

Nachteil: Innovativ kann man QTEs nun wirklich nicht nennen. Nicht ohne Grund sind QTEs viel öfter eine Nebenmechanik und nicht die Schlüsselmechanik. An sich machen QTEs keinen Spaß. Wie soll denn der Spaß entstehen? Um aus dem getimten Knöpfchendrücken eine interessante Mechanik zu machen, bedarf es einen interessanten Rahmen (die nötigen Umstände), wie zum Beispiel den möglichen Tod der Charaktere in Heavy Rain, oder eben der Gitarren-Controller in Guitar Hero.

Ergo ist nicht das Gameplay als solches innovativ, sondern die Art und Weise, wie man mit diesem interagiert. Somit stützt sich das gesamte Spielkonzept auf die Plastikgitarre (Illusion, Immersion, Jugendträume, Authentizität). Und genau hier liegt das Problem. Dieser eindimensionalen Innovation ist es zu verschulden, dass Guitar Hero kein Phänomen für die Ewigkeit ist. Innovationen können immer zwei Wege einnehmen. Entweder sie verschwinden von der Bildfläche und werden zukünftig als gescheitertes Experiment gesehen (SIXAXIS von Sony), oder sie entwickeln sich mit der Zeit und dazugewonnener Erfahrung der Entwickler zu einer Konvention (Touchscreen des DS). Innovationen verlieren früher oder später die anfängliche Begeisterung und Neugier, das lässt sich nicht verhindern. Hat eine Innovation diese Phase erreicht, muss das Gameplay das Interesse des Spielers auf sich ziehen und das Spielkonzept tragen.

Die Plastikgitarre als solche, hat sehr schnell den Charakter einer Innovation verloren, war sie von Beginn an doch schon speziell für das Spielprinzip entwickelt und konnte sich daher nicht weiterentwickeln. Also haben wir auf der einen Seite den schnellen Verfall der Innovation der Gitarre, aber auf der anderen Seite verhindert das limitierte Gameplay die Weiterentwicklung der Serie. Dass das “Plastikinstument-Musikgenre” nicht schon eher am Ende war, liegt an zwei Gründen. Activision und Harmonix entwickelten weitere Instrumente. Mit jedem Instrument wiederholte sich das “Innovationsverfall-Schema” der Gitarre, bis die Möglichkeiten ausgeschöpft waren (fehlt eigentlich nur noch die Triangel). Der zweite Grund ist das Fundament des Genres, die Musik. Solange es Lieder gibt, die Spieler gerne haben würden, die aber noch nicht verfügbar sind, ist die Zukunft der Serie bis zu einem gewissen Punkt gesichert. Beide Gründe sind tickende Zeitbomben und unterstreichen die endliche Faszination der Spielidee. Bis zu diesem Punkt kann man Activision nicht wirklich fehlerhaftes Verhalten vorwerfen. Allerdings kann man den Umgang mit dieser Wahrheit kritisieren.


Heidi Klum in einer Videospielwerbung.
Ein weiteres Indiz für den Stellenwert der Serie in den Massenmedien.

Übersättigung des Marktes

Der Rhythmus der Releases einer Spieleserie kann über die Lebenszeit entscheiden. Erscheinen die Spiele zu selten, könnte die Marke aus den Köpfen der Casual-Zielgruppe verschwinden und der anfängliche Boom schnell vorbei sein. Erscheinen die Spiele hingegen zu oft, riskiert man eine Übersättigung des Marktes und die einzelnen Teile verlieren an Relevanz. Vielleicht nervt es die Core-Gamer Jahr für Jahr einen weiteren Aufguss ohne viele Veränderungen vorgetischt zu bekommen (hüstel…FIFA), die Chance, dass ein Casual-Gamer sich spontan für den Kauf des aktuellen Teils entscheidet ist dafür aber ungemein größer.
Activision hat sich darüber gar keinen Gedanken gemacht. Unveröffentlichte Musik und Plastikinstrumente, sowie die Aufmerksamkeit der Massenmedien würden das Interesse an der Serie nicht abreißen lassen. Allerdings wird es nicht ewig so weiter gehen, irgendwann wird Schluss sein und die Blase platzt. Dieser Umstand und das Verlangen so viel Geld wie möglich aus diesem (endlichen) Genre zu erhalten (die berühmte Melkmaschine), lassen nur eine regelmäßige Veröffentlichung mit möglichst kurzen Pausen zu. So wurden immer wieder “verbesserte” Gitarren entwickelt, die manch Core-Gamer gerne kaufte und dem Neukäufer immer den perfekten Einstieg versicherte. Jedes Halbjahr wurde eine Art Songpaket veröffentlicht, passend zu einer Epoche (80er) oder einer Band (Aerosmith, Van Halen, Mettalica). Activision veröffentlichte sogar ein Songpaket mit den besten Songs der anderen Songpakete (Smash Hits) und das Spiel Band Hero, das mit “mainstreamiger” Musik neue Käuferschichten ansprechen sollte. Nicht zu vergessen das ambitionierte aber gefloppte DJ HERO. Zusätzlich entwickelte der Konkurrent Harmonix ja auch noch die Rockband Spiele. Jeder sah die Übersättigung kommen. Um ehrlich zu sein überrascht es mich eher, dass Activision den Stecker nicht schon früher rausgezogen hat.

Rein wirtschaftlich gesehen hat Activision goldrichtig gehandelt. Solange die Geldmaschine funktioniert hat, hielt man nun mal die Hände weit geöffnet. Aus ethischer und spielerfreundlicher Sicht hätte man sicherlich anders handeln können. Eine mögliche Lösung: aus Guitar Hero eine Plattform für die Core-Gamer zu machen, statt jedes halbe Jahr ein neues Songpaket zu veröffentlichen. So würde parallel zum Spiel Guitar Hero, das in den Regalen stünde, für alle Kunden sichtbar und präsent, zeitgleich eine Downloadversion in den Marktplätzen der Konsole bereitstehen. Diese Version bestünde aus 15 vorgelegten, und 15 vom Spieler selbst ausgesuchten Liedern aus dem passenden DLC-Shop. Als würde man sich quasi ein eigenes Album erstellen. Natürlich müsste alles ein wenig günstiger sein und ein riesiges Angebot von Songs würde viel Zeit und Geld in die Verhandlungen mit Plattenfirmen verschlingen. Es wäre auf jeden Fall einen Versuch wert, allerdings reden wir hier von Activision. Bevor da jemand das Wort Ethik in den Mund nimmt, wird er vom CEO Kotick gefeuert.

Zynismus an der falschen Stelle

Na da sind sie doch selbst schuld“, mag so mancher Gamer nun sagen, “hätten sie sich doch einfach schlauer angestellt.” Tja, bei all den Nachrichten rund um Kotick, kann ich den Zynismus mancher Gamer durchaus verstehen. Allerdings sei hier auch mal erwähnt, die Programmierer dieser Spiele trifft nur wenig Schuld. Die Entwicklungszeit ist kurz, das Gamedesign immer gleich, der Chef ist…Kotick. Kaum verwunderlich, dass die einstmaligen Star-Entwickler von Infinity Ward sich eingeengt fühlten und zu EA flohen. (Offiziell sind sie ja gefeuert worden).
Dann fragen wir uns doch einfach mal, was wird eigentlich aus Kotick? Er ist ein guter BWLer, das beweist er immer wieder mit Rekordverkäufen. Ein Videospieler ist er nicht, das Interesse mit dem wir “Normalsterblichen” das Medium Videospiele betrachten teilt er sicherlich nicht. Sein Erfolg baut im Grunde genommen auf drei Marken auf.

WoW. Ein Phänomen, mit dem Kotick nichts am Hut hatte, nichts am Hut hat und auch nichts am Hut haben wird. Eher würde Blizzard 1st-Party-Entwickler von Nintendo werden.
Call of Duty. Die stärkste Marke der heutigen Videospiellandschaft. Nun, was er mit den zwei Hautköpfen hinter Infinity Ward angestellt hat ist bekannt. Der mittlerweile achte (!) Teil der Serie wird zeigen müssen, ob sich die Öffentlichkeit von diesen Streitereien einschüchtern lässt. (Die Antwort lautet natürlich Nein).
Guitar Hero. Die Serie ist jetzt erst mal weg vom Fenster. Ob und in welcher Form wir jemals wieder ein Guitar Hero sehen werden ist unklar.

Eine Serie ist tot, die Qualität der anderen ungewiss und die dritte Serie wird wahrscheinlich noch für Jahrhunderte bestehen. Kaum verwunderlich, dass Activision schon ein gesondertes Studio für CoD angekündigt hat. Klingt nach dem Konzept von 343 Industries. Wie lange die Formel:
altes Gameplay + noch bombastischere Präsentation + triefender, amerikanischer Patriotismus = $$$
noch funktioniert, bleibt abzuwarten. Bei der Auswahl von Spielen wundert man sich kaum über die neuesten Gerüchte, Activision habe (mal wieder) beide Augen auf Take-Two geworfen.

Das Ende einer Ära?

War´s das jetzt? Wächst der heimische Haufen Plastikschrott etwa nicht mehr? Wird man sich nie wieder über die überteuerten Songs aus dem Store beschweren können? Verstummen etwa die tapferen Krieger der epischen Auseinandersetzung zwischen Guitar Hero und Rockband? Apropos Rockband, Harmonix´ Zukunft ist auch eher ungewiss. Für gerade mal 50$ wurden sie von Viacom (Vaterunternehmen von MTV) verkauft. Alternativen besitzt Harmonix keine, besteht das Repertoire doch nur aus Musikspielen. Ob ihre neue Nische der realistischen Musikinstrumente greift, wird sich zeigen müssen.

So wie es scheint erleben wir gerade den Tod eines Genres, dabei waren “Plastikinstrument-Musikspiele” so viel mehr als nur Spiele. Sie waren eine Überraschung, ein Trend, ein Phänomen und letztendlich eine geplatzte Blase. Kein Spiel hat sich so fest in den Mainstream und in die Popkultur verankert wie Guitar Hero. Sei es South Park, Ellen, Oprah, News Sendungen im amerikanischen Fernsehen oder auch ein Werbespot in der Playboy-Villa. Guitar Hero hat sehr viel für unser Hobby und das Medium Videospiele gemacht. Nicht-Spieler haben sich vor der Konsole versammelt und haben das Medium zumindest ein Stück weit vom Vorurteil des “Außenseiter-Hobbys” befreit. Kinder und Jugendliche haben angefangen Gitarrenunterricht zu nehmen und nicht zu vergessen die ganzen amerikanischen Partys. Das wiederum ist auch eine interessante Frage. Warum hat Guitar Hero in Europa noch nie so gegriffen wie Singstar? Schwer zu beantworten. Ob das an den verschiedenen Auffassungen des Wortes Party liegt (wenn es denn nicht überall auf der Welt gleich ist), darüber sollen sich die Anthropologen streiten. Die oft beschriebene Situation, zwei Leute spielen das Spiel, während der Rest zuschaut und Spaß daran hat, habe ich zumindest noch nie erlebt. Im Gegensatz dazu starrt jeder Amerikaner bei der Erwähnung von Singstar nur verwirrt auf seine Schnürsenkel. Jedem das seine.

Vielen Dank liebe “Plastikinstrument-Musikspiele.” Ohne euch wäre das Konzept des DLC vielleicht noch nicht so ausgereift gewesen, wie es heute ist. Ohne euch hätte die Musikindustrie auch einige Millionen $ weniger im Portemonnaie. Es war eine schöne Zeit mit euch, auch wenn ich nicht wirklich viel mit euch gespielt habe. Nun wäre es aber mal wieder an der Zeit die alten Musikspiele rauszukramen (wen muss ich für Elite Beat Agents 2 anflehen?), oder das Element Musik in Videospielen neu zu definieren.

3 Antworten to “Die (Musik) Party ist vorbei”

  1. Thomas sagt:

    Ich sehe es ähnlich. Wollte dazu auch etwas schreiben, vermutlich morgen oder so. :D

    Speziell Bobby Kotick ist für mich ein rotes Tuch. Einerseits ein wirklich genialer Manager der es versteht das Maximum rauszuholen, andererseits ein wirklich schlechter Mensch. Genau solche Menschen haben in meinen Augen die aktuelle weltweite Finanzkrise zu verantworten. Was heute zählt ist der schnelle und nicht er nachhaltige Profit. Hauptsache die Zahlen stimmen, was in 5 Jahren ist, ist mir doch egal, weil ich dann eh schon die Abfindung bekomme habe und in einer anderen Firma Geld mache.

    Besonders interessant ist für mich, wie sich Blizzard da wieder rausbringen will. Wenn Activision untergeht, wird es Blizzard mit in den Tod reissen und die sind imo eines der genialsten Studios überhaupt. Sie schaffen es immer wieder sich komplett neu zu erfinden und Innovation in ihre Spiele zu bringen. Mal sehen was die nächsten Jahre bringen.

    Auch ein interessanter Artikel dazu: http://www.eurogamer.net/articles/2011-02-12-the-show-goes-on-article

  2. Patrick M. sagt:

    Guter Bericht, der dem Genre die letzte Ehre erweist.
    Ich für meinen Teil feiere Partys eher wie Amerikaner: mit mehr Plastikgitarre und weniger Singstar.

    Weiters hast du noch ein ganz interessantes Thema angesprochen, dass Activision seinen Erfolg auf 3 Marken aufbaut. Guitar Hero ist ausgeschieden und ein CoD wird ohne Innovation, wohl auch nicht mehr so lange erfolgreich sein. Bin schon gespannt was Bungie aus dem Hut zaubern wird.

  3. Rhodok sagt:

    Das nächste große Ding sind übrigens Tanzspiele. Ich kann den Trend für Deutschland nicht verifizieren, aber in Amerika stehen sie in den Verkaufscharts ganz weit oben. Die Eintrittsbarriere ist gering, bei den Kinect-Varianten muss man nicht einmal mehr irgendein Stück Plastik in die Hand nehmen. Da kann also jeder gleich loszappeln. Hier ist Harmonix mit Dance Central auch gut dabei, weswegen ich mir um das Studie keine großen Sorgen machen würde. Ubisoft hat Just Dance, nur Activision schaut auch hier momentan in die Röhre. Vielleicht müssen die Neversoft-Sklaven jetzt schnell Tanzspiele programmieren.

Eine Antwort hinterlassen

(erforderlich)

(erforderlich)

© 2012 oti xero Suffusion WordPress theme by Sayontan Sinha